Musikalische Betrachtungen über Machtmissbrauch, #MeToo und #CancelCulture in der Klassik

Gefördert durch die Dorit & Alexander Otto Stiftung in Zusammenarbeit mit der Hamburgischen Kulturstiftung


Kontrapunkt - gleichberechtigte Gegenstimme


In den letzten Jahren wurde auch in der Kulturszene viel über #MeToo gesprochen. 

 

In einem professionellen Setting kennt das Umfeld in der Regel beide Beteiligten. Wenn das Umfeld sich für die eine Seite und gegen die andere positionieren muss, hält man im Zweifel schon aus Eigenschutzgründen erstmal lieber zum "Mächtigeren" - das ist das Wesen des sexuellen Machtmissbrauchs. Die Pro-Beschuldigten-Haltung kann man ohnehin gut mit der Rechtstaatlichkeit begründen: Unschuldsvermutung, in dubio pro reo, Resozialisierung. In der Kunst auch mit prinzipiell essentiellen Werten wie Kunstfreiheit, Trennung von Kunst und Künstler. So waren es in der Vergangenheit im Zweifelfall die Opfer, die marginalisiert wurden. Die Täter wurden höchstens still wegbefördert und machten woanders weiter.

 

Im Rahmen von #MeToo gilt das Interesse umgekehrt eher der Frage, ob der Beschuldigte aufgrund einer medialen Anschuldigung entlassen soll (#CancelCulture).

 

Daraus wird regelmäßig eine Haltungsfrage, wem mehr geglaubt wird, und ob man sich für die Kunst oder die Moral entscheidet. 

 

Hinzu kommt noch die Frage der Mitverantwortung des Umfeldes (#Kontaktschuld). Natürlich kann man nicht immer alles über jeden einzelnen Kollegen wissen. Auch muss man im Berufsleben realistischerweise auch irgendwie miteinander auskommen. Wegschauen und Schönreden ist aber keine Lösung.

 

Was tun?   

 

Die Klassik setzt sich mit der kulturellen Tradition auseinander und baut drauf. Es ist nicht zweckmäßig, gleich alles zu canceln, was aus heutiger Sicht problematisch ist. Die Kunst kann und darf auch schwierig sein.     

 

Dennoch leben Künstler nicht in einem luftleeren Raum. Es geht nicht nur um das künstlerische Werk und des künstlerischen Schaffens an sich, sondern auch darum, dass dies nicht auf Kosten anderer geschehen darf.  

 

Die Haltungsfrage würde dann heißen: entscheidet man sich für die Kunst oder für das Leben, die Gesundheit und die Existenzen der Kollegen und der Mitmenschen?

 

Da sollte klar sein, dass man beides unter einen Hut bringen muss.   

 

Die Zukunftfähigkeit der Hochkultur und der Klassik, vor allem die Akzeptanz dieser Künste in der heutigen Gesellschaft, hängt nicht nur davon ab, welche Werte die Künstler auf der Bühne vertreten sondern wie sie die Werte leben. 

Zusammenhalt - damit die nächste Generation frei von sexueller Gewalt leben kann. 


Kommentare zu den Werken im Video


Zwei Klavierstücke aus der Festschrift für Siegfried Mauser zum 65. Geburtstag werden flankiert durch Kanons von Johann Sebastian Bach sowie die Arie "Mache dich, meine Herze, rein" aus der Matthäus-Passion. Mauser war kurz vor der Veröffentlichung der Festschrift rechtskräftig zu einer Haftstrafe wegen sexueller Nötigung verurteilt worden. 


Aribert Reimann - Albumblatt für Sigi (27.VIII.2018)

 

aus "Musik verstehen - Musik interpretieren. Festschrift für Siegfried Mauser zum 65. Geburtstag" (2019)

 

Das Albumblatt besteht aus zwei kontrastierenden Elementen: dem Siegfried Mauser Motiv (es - e - g - f - d - e - d - e - a - c - es - e - d), welches in der Handschrift Reimanns auch die Titelseite der Festschrift ziert, und sechs Tritonus-Intervallen in unterschiedlichen Kombinationen.

 

Das Stück beginnt gleich mit einer Störung. Die ersten Tritonus-Paare platzen unvermittelt herein. Ein Unglück? Ein Schicksalsschlag? Ein Angriff? 

 

Das Mauser Motiv reagiert darauf leise und in legato, wird allerdings nach 4 Tönen unterbrochen und kann erst nach dieser erneuten Tritonus-Störung die Tonreihe fortsetzen. 

 

Spätestens an dieser Stelle wird die Perspektive des Stücks deutlich. Hier wird ein Protagonist gezeichnet, der durch böse Umstände in seiner freundlichen Lebensführung beeinträchtigt wird.

Im Laufe des Stücks unternimmt das Mauser-Motiv drei Anläufe, um sich durchzusetzen. Das Motiv möchte lauter werden und bis zum Ende der Tonreihe durchkommen. Ist das als Widerstand gemeint?  Und als Solidaritätsbekundung, sich nicht unterkriegen zu lassen? 

 

Aus der Perspektive ist diese Wahrnehmung sicherlich naheliegend. 

 

Dies zeigt aber das prinzipielle Phänomen bei sexuellen Übergriffen auf. In einem solchen Umfeld wird regelmäßig nicht der Täter sondern das beschwerende Opfer als ein Ärgernis angesehen. Wo beim Täter das Unrechtsbewußtsein fehlt, wird zwangsläufig die Schuld auf das Opfer geschoben - erstens für die Tat selbst und zweitens für die Schwierigkeiten des Täters nach dem Öffentlichwerden der Tat. Die Täter- und die Opferrolle werden verdreht. Eine Mehrfachbelastung für das Opfer.

 

Wenigstens bleiben die Tritonus Akkorde zum Schluss kräftig. 


Wolfgang Rihm - Solitudo (Intermezzo für Sigi) (2018)

 

aus "Musik verstehen - Musik interpretieren. Festschrift für Siegfried Mauser zum 65. Geburtstag" (2019)

 

Eine Interpretin muss bestrebt sein, die Intention des Komponisten zu erfassen. 

 

Hier liegt ein 3-seitiges Klavierstück vor, bestehend aus leisen Tönen und Pausen.  „Solitudo“  – Einsamkeit, Stille, Menschenleere. Seufzer eines Verzweifelten. Äußerlich eine Starre, doch innerlich bewegt – Rihm schreibt rit. und accel. auch auf Pausen.  

 

Diese Gefühle sind universell, menschlich, und könnten beispielweise auch zur Corona-Zeit passen. 

Eine Interpretin muss auch versuchen sein, die Entstehungsgeschichte des Werkes zu verstehen. Das Stück ist Siegfried Mauser gewidmet und ist während dessen Strafverfahrens entstanden.   

 

Im metoo Kontext hätte ich intuitiv gesagt, dass das Klavierstück zur Gemütslage eines Opfers passen würde. Das Stück soll aber ein Intermezzo sein, im Interview mit der Herausgeberin drückt er gute Wünsche aus: „möge es ein Zwischenspiel bleiben – mögen sich die leeren Räume der vielen Pausen füllen!“

 

Wer wird hier also als das Opfer gesehen?  Opfer von was? Sind die Pausen möglicherweise gecancelte Töne?

 

In den letzten Jahren sind mehrere Fälle von sexuellen Übergriffen in der Klassikwelt öffentlich geworden. Es ist bezeichnend,  dass es meist nicht die objektiven Umstände waren, die ein strittiges Problem darstellten.  Umstritten war vielmehr, was der Beschuldigte dabei gedacht hatte (denn darum geht es im Strafrecht) – der Tenor dabei war stets, dass es einem leid täte, wenn die Betroffenen die Handlungen als übergriffig oder gar gewaltsam empfunden hätten , es wäre aber nicht so gemeint gewesen. Und da ohne böse Absicht gehandelt hätte, möchte man nicht verurteilt werden und auch sonst keine Konsequenzen tragen müssen.

 

Woher kommt aber Annahme, dass „weltumarmender Eros“, welcher vielleicht auch mal „die Grenzen

der ›bienséance‹ überschreitet“ (aus dem Vorwort der Festschrift) , künstlerisch sachdienlich, gar notwendig ist? Ist es noch die Einstellung, dass ein Künstler nur dann schöpferisch tätig sein kann, wenn er seine Potenz frei und wild ausleben kann und wer sich für die Kunst entschieden hat, qua Beruf dazu Ja gesagt hat? 

 

Ich weiß nicht sicher, ob das Überzeugung, Leugnung oder Ausrede ist. (In Mausers Fall hat das Gericht böse Absicht bejaht, was ein Novum darstellt und zu einer strafrechtlichen Verurteilung geführt hat.) Auffällig ist aber, dass nicht nur die Beschuldigten so argumentieren, sondern auch das Umfeld, in dem solche Handlungen stattfinden. 

 

Eine Komposition ist aber auch nicht eine bloße Aneinanderreihung von Tönen und Einfällen, sondern es geht auch um Entscheidungen und Ordnung. Das müsste auch in der zwischenmenschlichen Interaktion möglich sein.

 

Dann kann das nämlich für alle gelten: 

 

"O Freunde, nicht diese Töne!

Sondern laßt uns angenehmere anstimmen,

Und freudenvollere."


Johann Sebastian Bach: Canon a 2, Canon a 2 cancrizans (Musikalisches Opfer)

 

Der erste Kanon ist endlos. Der zweite Kanon, ein Krebskanon (cancrizans), klingt rückwärts genauso wie vorwärts. 

 

Wer ist hier der Täter? Wer ist das Opfer? Wer ist mächtiger? 

Im Kontrapunkt sind beide bzw. mehrere Stimmen gleichberechtigt.    


Johann Sebastian Bach: Mache dich, meine Herze, rein (Matthäus-Passion), Klaviertranskription

 

Gerade wenn sexuelle Übergriffe bekannt werden, bekommt das Opfer regelmäßig Schuldzuweisungen zu hören, bisweilen auch gekoppelt mit klischeehaften Unterstellungen:

 

Warum wolltest Du es nicht?

Warum hast Du es geschehen lassen?

Warum bist Du hingegangen?

Warum hast Du Dich nicht stärker gewehrt?

Warum redest Du?

Willst Du seine Existenz vernichten?

Warum willst Du seine Familie zerstören?

Warum hast Du geschwiegen?

Warum hast Du es nicht gemeldet?

Warum hast Du nicht angezeigt?

Warum kommst Du nach so vielen Jahren damit an?

 

Es wirkt fast so, als ob das Opfer der/die Schuldige ist, der/die die Verantwortung für das Verhalten des Täters und seine (weiteren) Taten übernehmen muss und nochmals "geopfert" wird, damit dieser sein Leben unbehelligt weiterleben kann.

 

Welches Werk drückt das Dilemma der Schuld und die Erlösung besser aus als die Arie aus der Matthäus-Passion?


Perspektive


Trauma und Rückgrat

#Metoo Konzert im Herbst 2021 mit einem erweiterten Programm. Solidarisch und zukunftsweisend.


Hintergrund