Japanische Klaviermusik

 

Was ist eigentlich japanische Musik? Traditionelle japanische Musik gespielt auf traditionellen Instrumenten? Beethoven gespielt von einem japanischen Sinfonieorchester? Japanische Melodien gespielt auf einer Klarinette? Ein Konzert für Shakuhachi und klassisches Sinfonieorchester? Suzuki-Methode-Performance mit 100 geigenden Kindern? Eine klassische Sonate mit japanischen Motiven?

 

Die Besonderheit der japanischen Kulturlandschaft besteht wohl gerade darin, dass diese verschiedenen Arten der Musik alle nebeneinander co-existieren, ähnlich wie dort auch verschiedene Religionen wie Shintoismus und Buddismus nebeneinander existieren. 

 

Da Klavier ein westliches Instrument ist, hängt die Entwicklung der Klaviermusik in Japan sehr eng mit der Einführung der europäische Musik in Japan und mit der Entwicklung des Klavierbaus in Japan zusammen.

 

Die ersten Berührungen mit der europäischen Kirchenmusik machte Japan Mitte des16. Jahrhunderts, als die portugiesische Seefahrer und Missionäre den Süden Japans betraten. Während der anschließenden Edo-Ära ab dem Jahre 1600 wurde aber Kontakt mit dem Ausland stark eingeschränkt und Christentum verbannt, so dass eine erneute Berührung mit der europäischen Kultur erst mit dem Beginn der Meiji-Ära im Jahre 1868 und der Öffnung des Landes stattfand. Europa hatte in der Zwischenzeit die Romantik und die Zeit der industriellen Revolution erreicht.

 

Bereits 1872 wurden in den japanischen Schulen europäische Lieder unterrichtet, und 1887 wurde in Tokyo das erste Musikkonservatorium eröffnet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklangen in Japan neben traditioneller japanischer Musik die ersten Werke japanischer Komponisten in abendländischer Tonsprache. Der Vorreiter dieser Bewegung war Kosaku Yamada, der in Berlin bei Max Bruch studiert hatte. Er gründete in Japan ein Symphonieorchester und schrieb auch neue „Volkslieder“ in abendländischer Tonsprache. Die Musik japanischer „abendländischer“ Komponisten dieser Zeit wurde hauptsächlich durch die deutsche Spätromantik und den französischen Impressionismus beeinflusst. Und doch sind die japanische Stimmungen in diesen Werken unüberhörbar. 

 

Im Jahre 1900 baute Torakusu Yamaha das erste Klavier Japans. Der Ingenieur wollte nach der Öffnung des Landes eine Fabrik aufbauen und hatte nach passenden, aufstrebenden Produkten gesucht. Passend zum Zeitgeist der Meiji-Ära strebte er nämlich eine Qualitätssteigerung durch industrielle Herstellung an. Als er in 1887 gebeten wurde, einen defekten Harmonium zu reparieren, fand er endlich seine Traumprodukte – Klavier und Harmonium. Mit einigen begeisterten Mitstreiter, darunter auch Koichi Kawai, setzte er sich dafür ein, Instrumente herzustellen, welche auch auf der ganzen Welt sehen und hören lassen können.    

 

Während des zweiten Weltkriegs mussten die Klavierbaufabriken die Herstellung der Instrumente weitestgehend ruhen lassen. Nach dem Krieg wurde der Klavierbau in Japan aber schnell wieder aufgenommen. Gleichzeitig setzten sich die Klavierfirmen für die Popularisierung der Klaviermusik und des Klavierspiels in Japan ein. Während dieser Aufbauphase der Nachkriegszeit wurde auch in der professionellen Musikszene viel experimentiert und nach eigener Identität gesucht – so gründete der japanische Rundfunk bereits 1955 das erste japanische Studio für elektronische und neue Musik.     

 

Um 1965 herum gehörte das Klavier nun fest zum Musikleben in Japan. Der gesellschaftliche Aufschwung brachte auch ein neues Selbstbewusstseinsempfinden der Bevölkerung mit sich. Die Komponisten suchten nun nach eigener Tonsprache und versuchten die verschiedenen Einflüssen und Stilrichtungen auf eigene Weise zu integrieren. 

 

Im japanischen Klavierrepertoire – damit meine ich hier Klavierwerke geschrieben von japanischen Komponisten -, nehmen die Kinderstücke eine besondere Stellung ein. Mit der fast explodierend zunehmenden Zahl der klavierspielenden Kinder und mit der allgemeinen Aufbruchsstimmung in der Gesellschaft stellte sich die Frage, ob diese Klavierschüler nicht auch „ihre eigenen“ Literatur benötigten. mit der sie sich identifizieren könnten. Die führenden Komponisten und Pianisten in Japan schrieben mit viel Begeisterung und Liebe reizende Stücke für „ihre“ Nachwuchskünstler.